Konnte überzeugen
Call of Duty: Modern Warfare 1 und 2 waren wochenlang in den Verkaufscharts - der Multiplayer boomt nach wie vor. Kein Wunder also, dass auch der Publisher EA etwas von dem „Modernen Kriegs-Shooter“-Kuchen abhaben möchte. Medal of Honor sollte ein glorreicher Neuanfang der Serie und eine Kampfansage an Modern Warfare und Modern Warfare 2 werden. Im Test zeigt sich: MoH ist nur ein kurzer Durchschnitts-Shooter geworden.
Die Kriegsatmosphäre
Eine der wenigen Stärken von MoH ist die authentische Darstellung des Afghanistan-Kriegs (sofern man das von einem Videospiel überhaupt behaupten kann). Das funktioniert nicht immer. Aber in manchen Szenen bekommt man doch ein Gefühl dafür, was es heißt, in diesem Land zu kämpfen. Immer wieder gibt der Shooter den Blick frei auf endlos erscheinende Hügelketten und Berghänge, in denen sich überall feindliche Kämpfer verstecken könnten. Immer wieder werden wir von Guerilla-Einheiten angegriffen - nur selten gibt uns das Spiel eine Verschnaufpause. Nach und nach dämmert es euch, dass selbst eine so hochgerüstete, technologisch überlegene Armee wie die amerikanische keine Chance hat, in dieser Region die Überhand zu gewinnen. Und ab diesem Zeitpunkt werden euch auch die Aktionen verständlich, die Medal of Honor präsentiert. Das Bombardieren ganzer Dörfer, das Erschießen Wehrloser - alles Taten der Verzweiflung. Schade nur, dass Medal of Honor diese zu wenig kommentiert. Dieser Kern, der im Grunde das stärkste Argument für EAs Variante des modernen Krieges sein müsste, geht im Soldaten-Patriotismus unter.
Ein bisschen Spaß muss sein
Trotz der zahlreichen Kritikpunkte, die im Test noch folgen werden, muss man Medal
of Honor eins lassen: manchmal (aber wirklich nur manchmal) macht der Shooter richtig Spaß. In vielen Levels schießt ihr euch durch eine Übermacht an Taliban, räuchert Luftabwehrstellungen aus, verschanzt euch in Häuserruinen oder kämpft euch durch verwinkelte Dörfer. Außerdem könnt ihr von Deckung zu Deckung rutschen oder eure Kameraden um Munition bitten. Das gibt euch das Gefühl, Teil eines Teams inmitten des Kriegs-Chaos zu sein. Auch der fließende Übergang der Missionen kann sich sehen lassen.
Der Sound
Eine weitere Stärke von MoH ist die ausgesprochen gute Soundkulisse. Die
orchestrale Musik hält sich weitestgehend im Hintergrund und legt sich zwischen die Feuersalven wie weit entferntes Artillerie-Grollen. Besonders effektreich sind die Funksprüche zwischen den einzelnen Mitgliedern des Tier-1-Teams. Mit kurzen, schnellen Kommentaren geben euch eure Kollegen Anweisungen oder machen Bemerkungen über gerade Geschehenes. Auch die Waffen- und Explosionsgeräusche sorgen für Gänsehaut-Feeling pur - vor allem mit dem passenden Surround-Sound System.
Testvideo zum Singleplayer
Konnte nicht überzeugen
Die Moorhüh…eh…Taliban kommen!
Zwar liefert Medal of Honor im Grunde ordentliches Gameplay. Es fällt allerdings viel zu oft auf, dass Entwickler Danger Close euch einfach nur einen Haufen strohdummer Gegner entgegenwirft, die ihr im richtigen Moment abknallen müsst. Natürlich macht Call of Duty: Modern Warfare ähnliches. Aber Activisions-Ballerei weiß diesen Umstand sehr viel besser zu verschleiern als EAs Afghanistan-Ausflug. Beispiel: Euer Tier-1-Team steht am Fuße eines Berges und wartet auf Verstärkung. Vom Berg herab kommen immer neue Taliban-Wellen, die teilweise mitten in euren Kugelhagel hineinlaufen. So harrt ihr knappe fünf Minuten aus, bis Helikopter zur Rettung erscheinen. Anspruch hat das keinen, Spannung auch kaum, selbst wenn zwischendurch eine Autobombe eure Deckung wegsprengt. Auch die Mission darauf -öde Helikopter-Dauerfeuer-Action ohne Gegenwehr- zeigt, wie uninspiriert die Entwickler am Werk waren.
Noch viel erschreckender ist das einfallslose Missionsdesign von MoH. Fast jede Mission in dem Shooter verläuft nach folgendem Schema: Zunächst schleicht ihr durch einen Berghang. Dann geht irgendetwas schief und ihr müsst euch durch eine Horde Taliban kämpfen. Und am Ende fordert ihr dann einen Luftschlag an, weil sonst nichts mehr hilft. Das mag vielleicht die Art sein, wie tatsächlich in Afghanistan Krieg geführt wird. Aber der Abwechslung im Spiel ist es keinesfalls zuträglich. Mit gut inszenierten Schleichmissionen, hinterhältigen Attacken und dem Gefühl, wirklich hinter feindlichen Linien als Spezialagent zu agieren, hätte Medal of Honor im Vergleich zu Call of Duty richtig punkten können. Aber diese Seite des Shooters blitzt nur wenige Male im Spielverlauf auf.
Darüber hinaus nervt die strenge Linearität der einzelnen Solo-Abschnitte. Alternative Routen oder Lösungswege sucht man in diesem Spiel vergebens.
K.I.?
Die (nicht vorhandene) künstliche Intelligenz der Gegner lässt sich mit nur einem Wort beschreiben: dämlich! Die Taliban poppen einfach irgendwann hinter einem Felsen auf und rennen euch entgegen, meist direkt hinein in die Kugel, die ihr ihnen gerade entgegengefeuert habt. Selbst so simple Routinen wie das Zurückwerfen von Granaten beherrschen die Bots nicht. Ein Armutszeugnis für einen 2010er-Shooter!
Nix verstehen
Nach den reichlich dürftigen sechs Stunden Spielzeit werdet ihr garantiert vor dem Monitor bzw. LCD/Plasma sitzen und euch fragen: WTF? Bereits wenige Minuten nach dem Abspann weiß man nicht mehr, worum es eigentlich in dem Titel gegangen ist. Da waren böse Taliban, ein Spezialkommando namens „Tier 1“, fiese Tschechen und ein paar Ziegen. Aber worum zur Hölle ging es eigentlich? Das Spiel erklärt so gut wie gar nichts. Und am Ende bleibt nur das Gefühl, dass es sich hierbei (vielleicht) um den Auftakt für irgendetwas anderes gehandelt hat. Oder war es doch mehr? Ich
weiß es nicht…
Altbacken
Den Abschluss unserer Kritikseite bildet die hoffnungslos veraltete Optik von Medal of Honor. Die hauseigene Engine beherrscht zwar ein paar schicke Licht- und Partikeleffekte, bleibt aber puncto Texturenqualität und Charakterdesign weit hinter dem Konkurrenten Modern Warfare. Auch die zahlreichen Grafik- und Clippingfehler zeigen nicht gerade von einer langen „Feintuning-Zeit“. Zumindest halten sich die Hardwareanforderungen in Grenzen - ein kleiner Wehrmutstropfen für alle PC-Zocker.
Multiplayer
Kennen wir schon
Vorab gleich ernüchternde Worte: Entwicklerteam DICE ist leider nicht auf das kritische Feedback aus der Closed- und Open-Beta eingegangen. Somit bleibt auch
der Multiplayer weit hinter den Erwartungen der Community. Doch werfen wir mal einen Blick auf das halbgare Werk. Während das Spiel optisch also wie ein Bad Company 2-Klon aussieht, orientiert es sich spielerisch eher an Modern Warfare 2. Ähnlich der Abschussserien bei Call of Duty müssen wir für Spezialfähigkeiten Punkte sammeln. Für einen Gegner-Abschuss gibt es 10 Punkte, ein Kopfschuss gibt fünf weitere oben drauf. Verteidigungs-, Rache- oder Rettungsabschüsse geben ebenfalls noch mal fünf Punkte. In der Regel haben wir also nach drei bis vier Kills die 50 Punkte für die erste Fähigkeit zusammen. Per Tastendruck können wir nun eine offensive Mörserattacke starten oder wir unterstützen unser Team und rufen eine Aufklärungsdrohne herbei, die feindliche Spieler auf der Karte markiert. Geht unsere Punkteserie danach weiter, können wir bei 100 Punkten einen schweren Raketenschlag abrufen oder eine Schutzweste ordern, die unsere Lebenspunkte erhöht. Auch das Gameplay von Medal of Honor ist ein Mix aus Modern Warfare 2 und Bad Company 2. Gegner und Spieler vertragen nur wenige Treffer, bevor sie sterben. Wie in BC 2 bewegen wir uns jedoch relativ steif und dürfen uns nur hinhocken, aber nicht hinlegen. Auch das „lahme“ Wurfverhalten von Handgranaten ist wieder mit von der Partie. Zur Freude vieler „Camper“ wurde auf eine Abschusskamera verzichtet. Demnach haben hartnäckige Eckenhocker also in Medal of Honor eine höhere Überlebenschance als in MW 2.
Keine Klassen
Medal of Honor verzichtet auf ein klassisches Klassensystem à la Battlefield. Die Unterschiede liegen ausschließlich bei der Bewaffnung. So zieht der Rifleman mit einem Sturmgewehr (M16, AK47 und später MGs) in die Schlacht, während der Special Ops leichte Sturmgewehre oder Shotguns verwendet. Der Sniper greift auf Scharfschützengewehre zurück und hat noch C4-Sprengsätze im Rucksack. Der Rifleman darf hingegen einen Granatwerfer als Sekundärwaffe verwenden, während der Special Ops eine Panzerfaust mit sich rumschleppt. Im Laufe seiner Multiplayer-Karriere kann man Punkte sammeln, die nach und nach weitere Verbesserungen wie Zusatzmunition, neue Waffen, bessere Zielvorrichtungen oder Schalldämpfer freischalten. Besondere Fähigkeiten, wie etwa die Perks in Modern Warfare, fehlen komplett in Medal of Honor. Es gibt lediglich Orden und Auszeichnungen, die aber nur zusätzliche Erfahrungspunkte bringen.
Modi
Die acht Karten sind etwas detaillierter als die Areale in der Solo-Kampagne, fallen aber allesamt recht klein aus. Vor allem im Modus „Sektorenkontrolle“, der an das Flaggenerobern aus Battlefield 2 erinnert, stehen sich die bis zu 24 Teilnehmer
mangels Freilauf oft auf den Füßen. Ebenfalls schade: Anders als in Bad Company 2 ist das Terrain nicht komplett, sondern nur an dafür vorgesehenen Stellen zerstörbar. Das bremst Medal of Honor nicht nur in taktischer Hinsicht aus, sondern nimmt den Gefechten auch Dynamik. Das Tempo ist dennoch auf hohem Niveau. Und auch wenn die insgesamt vier Spielmodi keine Kreativpreise gewinnen, wogen die temporeichen Schlachten ständig hin und her. Für kurzweiligen Spaß zwischendurch taugt Medal of Honor also allemal, zumal die Soundeffekte ordnungsgemäß rumsen. Wer aber Wert auf Taktik, Teamplay und vernünftiges Waffenverhalten legt, der sollte lieber woanders ballern.
Testvideo zum Multiplayer
Fazit und Wertung
„Christoph meint: Schwache Modern Warfare-Kopie! Da wäre deutlich mehr drin gewesen!
“
Was haben wir nicht alles vor dem Release zu sehen bekommen: Emotionen („Leave a message“ Trailer), fetzige Kampfgefechte („Linkin Park“ Trailer) und nicht zu vergessen die temporeichen Multiplayer-Schlachten („Fallen Angel“ Trailer). Und was ist schlussendlich herausgekommen? Ein im besten Fall kurzweiliger und mittelmäßiger Shooter. Schwer enttäuscht vom Multiplayer können wir eigentlich nur noch einen Satz mit „X“ schreiben: Das war wohl nix!
Richtig gut
- hübsche Licht- und Partikeleffekte
- Waffengeräusche
- Outro-Soundtrack von Linkin Park
- einfache Shooter-Steuerung
- gute Kriegsatmosphäre
Verbesserungswürdig
- Qualität der Texturen
- polygonarmes Charakterdesign
- zahlreiche Grafik- und Clippingfehler
- nur mittelmäßige Vertonung (dt.)
- lahme Story
- extrem schwache KI
- viele Stellen erinnern stark an Modern Warfare 1/2
- absolut linear
- oft gleicher Missionsverlauf
- schlecht kaschiertes Moorhuhn-Geballer
- kurzer Singleplayer (max. 6 Stunden)
- ernüchterndes Ende
- Multiplayer erinnert an einen schwachen Mix aus Modern Warfare und Bad Company 2
Anforderungen
• Sony PlayStation 3 Konsole
• Microsoft Xbox 360 Konsole
• PC (Minimale Systemanforderungen):
-Windows XP (SP3), Windows Vista (SP2), Windows 7
-Pentium D, 3.2GHz / Core 2 Duo, 2.0GHz / Athlon 64 X2
-2 GB Arbeitsspeicher
-NVIDIA GeForce 7800 GT / ATI X1900
-9 GB freier Festplattenspeicher
-DirectX 9.0c-kompatible Soundkarte
• PC (Empfohlene Systemanforderungen):
-QuadCore 2.0Ghz
-Mehr als 2 GB Arbeitsspeicher
-NVIDIA GeForce GTX260 / ATI Raedeon 4870
-9 GB freier Festplattenspeicher
-DirectX 10-kompatible Soundkarte
Getestet für
• PC
• Sony PlayStation 3
• Microsoft Xbox 360
Christoph Miklos ist nicht nur der „Papa“ von Game-/Hardwarezoom, sondern seit 1998 Technik- und Spiele-Journalist. In seiner Freizeit liest er DC-Comics (BATMAN!), spielt leidenschaftlich gerne World of Warcraft und schaut gerne Star Trek Serien.
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