GOTY 2020?

Es ist ein Segen und ein Fluch über Cyberpunk 2077 zu schreiben. So viele von uns haben sehnlichst darauf gewartet – ich auch! Und seit Tagen beherrscht es praktisch alle Schlagzeilen. Nicht nur Gaming-Magazine schreiben darüber, sondern auch ganz normale Tageszeitungen. Schließlich geht es um eines der meisterwarteten Games der letzten Jahre. CD Projekt Red hat geliefert. Und wir haben nicht nur einen Blick reingeworfen!
Ein Gefängnis aus Chrom und Elend
Guten Morgen Night City! Ein weiterer wundervoller Tag in der Stadt, in der Träume wahr werden! Zumindest, wenn ihr die nötigen Eurodollar habt, um ein gutes Leben zu führen. Alle anderen müssen sich eben mit etwas weniger zufrieden geben... Kleinste Wohnungen, Dreck, Gestank, Gewalt, korrupte Politiker, Megakonzerne mit mehr Macht als so manche Regierung und genug Werbung und Konsum-Denken, dass Mister Bezos feuchte Träume davon bekommt. Wir spielen V. Wer genau V ist? Das müsst ihr selbst entscheiden. Haben wir unser Leben in den polierten Bürohallen einer Mega-Corp verbracht? Oder als eines der unzähligen Straßenkinder, die jeden Tag ihr bestes tun, um zu überleben? Vielleicht sind wir aber auch neu in der Stadt? Einer der Nomaden, die durchs Land ziehen und nur dort Halt machen, wo ihre Freiheit sie hinführt. So oder so, unser Job ist simpel: Wir sind Söldner. Gun for Hire. Andere Leute haben die Eurodollar, wir haben die Ausrüstung, den Skill, den Instinkt, um einfach jeden Job zu erledigen. Zusammen mit unserem besten Buddy Jackie sind wir praktisch unaufhaltbar! Aber in einer Stadt, in der nichts normal ist, jede Straßenecke auch eine Wendung in unserer Story ist, ist nichts garantiert. Ehe wir uns versehen, sind wir auf einem gefährlichen Pfad: Auf der Abschussliste eines der größten Konzerne der Welt, ein tödlicher Prototyp in unserem Besitz und einen gefährlichen, rockenden, breathtaking Cyber-Terroristen an unserer Seite. Vor uns liegt die lange Aufgabe, dieses Kuddelmuddel zu entwirren – und dabei an unserer Reputation zu arbeiten. Night City hat nur vor einer Sache wirklich Respekt: Ihren Legenden. Und wir wollen kein normales, beschauliches, gemütliches Leben. Wir wollen das ganze Paket. Den großen Wurf. Die eine Sache, die jeden auch dann noch mit Ehrfurcht den Namen V sagen lässt, wenn dieses Stadt uns längst zerkaut, verdaut und wieder ausgespuckt hat.
Slice, Dice, Shoot, Hack
Vielleicht erinnert ihr euch noch – an die kritischen Stimmen, die misstrauisch waren, ob die Witcher-Macher ein Ego-Shooter-RPG hinbekommen. Trotzdem ist bei der Idee einiges rumgekommen und auch die ein oder andere Ähnlichkeit zu Witcher! Zum Beispiel die Ausrüstung. Sechs Ausrüstungs-Slots erwarten, dass wir sie sinnvoll füllen. In erster Linie mit Gegenständen, die genügend Rüstung oder Schaden bieten, um unserem Level zu entsprechen. Stylische Hosen? Coole Brille? Überlegt mal, ob ihr daran festhalten wollt oder lieber auf levelgerechte Rüstungen setzt. CDPR? Wir brauchen ein Umskinnen! Fashionpunk is real. Jedes Ausrüstungsstück hat einen Rüstungs- oder DPS-Wert, je nachdem, ob es sich um eine Waffe oder Kleidung handelt. Dazu kommen noch extra Schadens-Boni wie Elemente, Crit-Chancen und eben Mod-Slots, in die wir nochmal Gimmicks einbauen können – mehr Schaden, schnellere Angriffe, mehr Rüstung und so weiter. Das mutet dann eben gelegentlich seltsam an, zum Beispiel, wenn uns knackige Hotpants mehr Rüstung geben als, naja, eine richtige Hose. Waffen sind dabei nochmal in Typen unterteilt. Neben scharfen (Katanas!) und stumpfen (Keulen, Hämmer, Schlagstöcke!) Nahkampfwaffen wartet eine riesige Anzahl an Schießeisen, die alle in drei Kategorien fallen: Power, Tech und Smart. Power-Waffen können mit ein wenig Skill Kugeln an Wänden abprallen lassen, mit Tech-Waffen laden wir Schüssel für extra Feuerpower auf und Smart-Waffen verschießen nicht einfach Kugeln, sondern zielsuchende Geschosse (so lange wir sie nur grob in Richtung des Gegners halten). Ihr wollt mehr in eurem Arsenal als einfach nur Waffen und fesche Kleidung? Easy, meine Freunde! Cyberpunk wäre nicht Cyberpunk, wenn es nicht auch eine Menge technischer Spielereien gäbe. Zunächst einmal haben wir praktischerweise ein Cyberdeck im Kopf verbaut. Damit verbinden wir uns nicht nur für die zahlreichen Quests mit allerlei Geräten, sondern können auch ordentlich Schadsoftware abfeuern. Wir stören Optik-Implantate, ziehen Geschütztürme auf unsere Seite oder überladen einfach die Hardware unserer Feinde, bis ihnen das Oberstübchen schmilzt.
Und sonst? Jaa, ihr wisst schon. Was ist Cyberpunk ohne Implantate, künstliche Gliedmaßen, Chrom!? In zehn Kategorien stehen uns insgesamt 19 Slots an Cyberware zur Auswahl. Ihr wollt bessere Augen mit Zoom? Bekommt ihr! Notfall-Heilung, wenn wir unter eine bestimmte Lebens-Schwelle fallen? Zeit-Verlangsamung beim Dodgen? Höhere Sprünge? Tobt euch aus und baut genau die oder den V eurer Träume. Nur hätte ich mir ein paar mehr Ideen für das ganze gewünscht... Trotzdem gab es eine Zeit, in der ich mit 3-Meter-hohen Hüpfern durch die Stadt gesegelt bin und Bad Guys mit dem Granatwerfer, den ich in meinem Arm versteckt hab, abgeschossen habe. Manchmal sind es eben die einfachen Dinge im Leben, die glücklich machen. Bevor wir zum Gameplay kommen, noch ein letztes Wort zur ersten Sache in Night City: Der Charakter-Erstellung. Wählt zunächst einen grundlegenden Körpertyp – männlich oder weiblich – und lasst dann eurer Fantasie freien Lauf! Dutzende Frisuren, Nasen, Farben, Narben, Brauen, Kosmetik-Optionen geben euch eine Menge Platz für Fantasie. Und ja, wir alle wissen es inzwischen, trotzdem sei es hier nochmal gesagt: Natürlich könnt ihr auch eure Genitalien (überschaubar) individualisieren. Go wild, boys and girls.
Man nennt mich auch den Tanz der tausend Klingen
Zumindest rede ich mir das oft ein. Wie ich das Spiel spiele? Mit meinem Katana und wenig anderem! Wir sind als V eben Söldner und werden eher für die zwielichtigen Jobs angeheuert. Auseinandersetzungen mit schwerbewaffneten Gegnern bleiben da nicht aus, egal ob es sich um Polizei, Gangmitglieder oder Konzern-Security geht. Wie ihr das ganze abwickelt ist euch überlassen und hängt auch von eurem Skill ab. Ihr wollt guns blazing in die Höhle des Löwen stapfen? Klar. Nur zu. Nehmt euch ordentlich Feuerkraft mit und stürmt hinein, verwandelt die Gassen und Hochhäuser der Stadt zu eurem ganz persönlichen Kriegsschauplatz. Schießereien sind in der Stadt eh an der Tagesordnung. Passt nur auf, dass ihr euch dabei nicht selbst zu viele Kugeln einhandelt. Deckung nutzen ist wichtig, wenn ihr nicht einfach im nächsten Patronenhagel enden wollt. Vielleicht geht ihr die Sache aber auch etwas geschickter als ich an? Schleicht. Umgeht Kameras. Schaltet Gegner still und heimlich aus. Hier hilft euch vor allem die richtige Technik im Köpfchen, denn viele Hacks sind speziell darauf ausgelegt, Gegner abzulenken oder kurzzeitig aus dem Weg zu räumen. In zahlreichen Missionen gibt es dann auch noch Extrabelohnungen, wenn ihr es im Stillen erledigen könnt. Außerdem könnt ihr mit einem scharfen Auge so manchen Kampf umgehen! Viele Quests haben alternative, versteckte Wege, mit denen ihr etwas sorgenfreier ans Ziel gelangt. Haben wir dann die Baddies besiegt/die Daten gestohlen/den Virus hochgeladen, bekommen wir Erfahrungspunkte. In zwei Levelsystemen steigen wir auf: Street Cred und einem normalen Skilllevel. Street Cred beschreibt, wie gut wir bekannt sind. Wenn mehr Leute von uns gehört haben und uns vertrauen, bekommen wir bessere Jobs angeboten und haben Zugang zu besseren Waren bei Händlern. Jeder will eben unser Freund sein und/oder Ergebnisse sehen. Unsere normalen LevelUps nutzen wir, um in unsere Stats und Skills zu investieren. Fünf Stats stehen uns in bester RPG-Manier zur Verfügung – Konstitution, Reflexe, Technische Fähigkeit, Intelligenz und Coolness – die aber alle noch über verschiedene Skillbäume verfügen. Konzentrieren wir uns zum Beispiel auf Reflexe, können wir uns auf Gewehre, Pistolen und Klingen spezialisieren. Im Klingen-Skillbaum bekommen wir dann eben Boni, die uns bei der Schwertarbeit hilft, wie schnellere Angriffe und weniger Ausdauerkosten für Schläge. Simpel, nicht? Auch wenn wir beim Sprung von der Witcher-Welt zum Cyberpunk-Prunk Pferde hinter uns gelassen haben, müssen wir in Night City nicht auf ordentlich Pferdestärken verzichten. Zahlreiche Autos, von bulligen Trucks bis zu schnitten Nobel-Karossen, warten darauf, in unseren Fuhrpark zu wandern. Das macht optisch einiges her, denn CD Projekt Red hat sich verdammt hübsche Fahrzeuge einfallen lassen, allerdings braucht es ein gutes Stück Eingewöhnung, bis wir wirklich ohne Dellen an unserem Ziel ankommen – denn die Steuerung der Cyber-Schlitten lässt doch sehr zu wünschen übrig, ähnlich wie die Verkehrs-AI!
Das große Schisma
Ihr werdet es mitbekommen haben... Kaum war Cyberpunk 2077 releast, schon ging eine Erschütterung durch die Macht. „Zu viele Bugs, unspielbar!“, riefen die einen, „Entspannt euch, ist doch alles nicht so schlimm!“ die anderen. Und ja, es läst sich gar nicht verneinen, dass das Spiel eine Menge Macken mit sich bringt. Wenn ihr „Cyberpunk Bugs“ auf Youtube eingebt, findet ihr hunderte und tausende skurrile Videos. Genitalien, die durch Kleidung glitchen; Gespräche, die einfach enden; durch die Gegend fliegende Autos; niemand hat die Zeit, um alle hier aufzuführen. Und wenn ihr mal wirklich sehen wollt, wie das Spiel in grässlich ausschaut, werft einen Blick auf Aufnahmen der PlayStation 4-Version. Ich aber? Ich war einer der glücklichen. Auf meinem PC lief das Spiel (ohne Raytracing) butterweich. Ich hatte praktisch keine Bugs! Klar, so ein paar Open World-Krankheiten, die sich bei der riesigen Spielwelt nicht vermeiden lassen, wie Animationen, die nicht richtig zu Ende ausgeführt werden, eine paar Voice Lines, die nicht abgespielt wird, sondern nur als Subtitle zu sehen ist oder wonky Verkehrs-Probleme. Aber sonst? Sonst war ich echt sorgenfrei.
Und das hat natürlich einiges für mich getan. Ich konnte mich voll in die großartige Story fallen lassen, die über Stunden hinweg spannend bleibt. Dutzende Nebenquests, voll vertont, in einer Welt, die wir in solchen Details, mit solch eindrucksvollen Bildern, kaum bis gar nicht bisher in einem Spiel gesehen haben. Ein fantastischer Soundtrack und talentierte Sprecher runden das optische Fest gekonnt ab. Schaut euch doch einfach mal die Screens an? Dieses Spiel ist so unglaublich hübsch! Mehr noch! Wir haben es gestreamt, drüben auf unserem GamezoomTV-Twich-Kanal! Etwas verwundert hab ich nur wenige Tage nach Release festgestellt, dass ich schon über 60 Stunden in Night City verbracht habe und mir immer noch nicht langweilig ist. Es gibt immer etwas zu tun – aber hier kommen wir auch schon an einen der Knackpunkte. Zwar gibt es unglaublich viele Quests, immer jemanden zum Aufmischen oder Daten, die entwendet werden wollen. Aber ich will in dieser Stadt auch meine Down-Time haben. CD Projekt Red! Gebt mir Freizeit-Aktivitäten. Ich will feiern. Ich will Party machen, in einer Stadt aus Neon! Ich will diese Stadt nicht nur bespielen. Ich will sie erleben! Heutzutage müssen sich Open-World-Spiele immer den Vergleich zu Red Dead Redemption 2 anhören... Eigentlich will ich den echt vermeiden, aber da gab es diese Dinge. Wenn ich mal nicht losgezogen bin, um Züge zu überfallen, habe ich Karten gespielt, in nem Saloon gesessen und einfach mal entspannt. Außerdem brauche ich wirklich die Möglichkeit, meinen Charakter nach dem Char-Editor zu bearbeiten. Mir gefällt mein Nagellack einfach nicht...
Und wenn ihr noch etwas merkwürdiges hören wollt: Es gibt wohl mindestens einen Gulli-Deckel auf den Straßen von Night City, der aussieht, als wäre er entsprechend einer deutschen DIN-Norm gebaut... Einer DIN-Norm für Gehweg-Gulli-Deckel! Keine Sorge. Spieler haben bereits eine Petition gestartet, das zu beheben.
Cyberpunk ist ab sofort für 52,80 Euro für PC und sämtliche Konsolen im Handel erhältlich.

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