Das bessere FIFA?

Wie jedes Jahr im September heißt es EA versus Konami, Fifa gegen PES – wer bringt die bessere Fußballsimulation auf den Markt? Und wie jedes Jahr geizen beide Spiele nicht damit, wie viele Neuerungen oder Verbesserungen in den neuen Teilen stecken. Dies zeigt Konami gerade durch die Änderung des Titels von PES zu eFootball PES. Aber ist der Namenswechsel berechtigt und sind die Neuerungen wirklich so groß, dass wir hier das beste Fußballspiel in diesem Jahr bekommen?
Der Einfluss eines Ausnahmekönners
Kommen wir am Anfang auf das zu sprechen, was wichtig ist: Das Gameplay. Hier hat Konami ordentliche Arbeit geleistet und es geschafft, dass sich das Spiel unglaublich rund anfühlt. Es wurde zwar erneut das Tempo gedrosselt, aber dies liegt nicht komplett am Spiel selbst, sondern auch den Animationen der einzelnen Spieler. Während ein Messi sehr flink unterwegs ist, spielt sich ein Hüne wie Niklas Süle eher schwerfällig. Dies bringt einiges an Dynamik in die Spiele. Ein weiterer Schritt in Richtung Simulation wird durch die Positionierung und die Haltung des Spielers erzeugt. War es damals noch möglich, fast punktgenaue Pässe zu einem Mitspieler zu bringen, egal wie man sich positioniert hat, ist es in eFootball PES 2020 nun so, dass Pässe nur sehr ungenau ankommen oder gar nicht, wenn sie zum Beispiel aus der Drehung gespielt werden oder per Hacke weitergeleitet werden. Man muss sich erst daran gewöhnen, wird aber belohnt, wenn man es verinnerlicht hat. Auch wenn es sich alles träger anfühlt, fühlt es sich realistisch an, wenn auf einmal ein Lionel Messi, welcher ein hohes Tempo hat, durchstartet und wir ihn nach einer guten Passstafette mit einem tödlichen Pass hinter die Abwehrkette schicken und das Ding ins Netz hauen. Aber auch bei den Abschlüssen kommt es auf die Positionierung und die Haltung unserer Spieler an. Stehen wir zu seitlich, kommt eher ein Kullerschussbeim mutigen Torangriff heraus. Werden wir bedrängt und unser Spieler bekommt den Körper nicht über den Ball, geht der Abschluss in den Nachthimmel des Camp Nou. Das gesamte Animationsrepertoire wirkt ungemein flüssig und zeigt dem Spieler, wo der Fehler gelegen hat. Die interessanteste Neuerung ist aber das sogenannten Finesse-Dribbling-System. Hierfür hat sich Konami niemand anderen als Andres Iniesta als Unterstützung geholt. Kurze Aufklärung: Andres Iniesta spielt momentan bei Vissel Kobe in Japan und ware jahrelang Dreh- und Angelpunkt in der spanischen Nationalelf und beim FC Barcelona. Er wurde Welt- und Europameister, spanischer Meister, Pokalsieger und hat vier(!) mal die Champions League gewonnen. Was ich hiermit sagen möchte, ist: Konami hat sich einen Berater und Unterstützer geholt, welcher sehr genau weiß, was ein Messi oder ein Ronaldo in bestimmten Situationen denkt und machen kann. Das Finesse-Dribbling-System schafft es auch bei gerade technisch starken Spielern eine sehr spannende Dynamik im 1vs1 oder 1vs2 auf engstem Raum zu simulieren. Es fühlt sich unglaublich befriedigend an, ein, zwei oder mehr Abwehrspieler durch diese Mechanik zu vernaschen und stehen zu lassen. Zwar kommt es auch hier auf die technischen und körperlichen Fähigkeiten an, aber das macht es nur noch realistischer und spannender – Szenen vor oder im Strafraum profitieren massiv von dieser Umsetzung!
Auch das Ballgefühl gefällt mir sehr. Damit meine ich, dass der Ball ein freies Objekt ist. Pässe, die gespielt werden, können abgefangen werden oder gehen ins Nichts, wenn man sich vom Ball wegbewegt. Er klebt nicht am Fuß, sondern verspringt, wenn wir bedrängt werden. Es fühlt sich einfach richtig an.
Viele Neuerungen, viele Altersprobleme
Aber leider ist auch bei eFootball PES 2020 nicht alles Gold was glänzt. Das bezieht sich vor allem auf die Präsentation in den verschiedenen Modi. Gerade die Meisterliga und der "Werde zur Legende"-Modus kranken an einem sehr großen Problem: der Präsentation. Während wir bei Fifa mit Alex Hunter nun ins dritte Jahr gehen und dort eine mehr oder weniger gute Geschichte, vertonte Cutscenes und einen jungen Spieler, den wir steuern können, bekommen, gibt es bei eFootball PES 2020 nur einen jungen Spieler, welcher von uns gespielt wird. Keine Cutscenes, keine Vertonung. Die gesamte Präsentation ist schlicht altbacken. Genauso der Meisterliga-Modus. Wir bekommen die Möglichkeit, als Roberto Carlos, Zico oder Lothar Matthäus eine Karriere als Trainer einzuschlagen. Aber auch hier wieder keine Vertonung und Zwischensequenzen, die irgendwie Persönlichkeit hätten. Sie sollen zwar durch selbst getroffene Entscheidungen eine persönliche Geschichte erschaffen, wirken in den Konsequenzen aber eher marginal. Es wird über unsere Spiele gesprochen, aber ohne die Ergebnisse. Das Menü zwischen den Spielen ist aufgebaut wie eine langweilige Zeitung mit, naja, Menüpunkten halt. Es fühlt sich im Gegensatz zu Fifa einfach alles etwas langweiliger und zweckmäßig an. Hier krankt Konami leider schon seit langer Zeit. Verschachtelte Untermenüs, schlechte, beziehungsweise gerade einmal zweckmäßige Präsentation und keine Vertonung. Ein großer Kritikpunkt, da es einfach nicht mehr zeitgemäß ist; die Konkurrenz macht es hier eben besser. Der MyClub-Modus ist da schon stärker, bietet aber das, was bereits bekannt ist: Baut eine Mannschaft, welche aus aktuellen Spielern und Legenden bestehen kann, und spielt gegen die KI, gegen Freunde oder online. Die Möglichkeit, Echtgeld zu investieren, besteht weiterhin, fühlt sich aber nicht ganz so notwendig an wie bei Ultimate Team, um eine einigermaßen schlagfertige Truppe auf den Platz zu schicken. Im Endeffekt kommt es immer noch auf die Fähigkeiten des Spielers an. Die Matches gegen andere Spieler sind manchmal noch laggy, aber nicht mehr so schlimm wie in den Vorjahren.
Noch zu erwähnen ist der Matchday-Modus, in dem der Spieler gegen andere Spieler antritt und Partien bestreitet, welche auch in den Ligen oder Cups bald gespielt werden. Einige Partien werden von Konami sogar live gestreamt!
Das weniger große Lizenzpaket
Ein weiteres Problem, welches bei Pro Evolution Soccer herrscht, sind die fehlenden Lizenzen. Auch wenn es dieses Jahr viele südamerikanische Ligen gibt und auch die Serie A und B, die Primera Division und auch englische Ligen vertreten sind, fehlt die Bundesliga leider. Nur Bayern, Leverkusen und Schalke sind in eFootball PES 2020 vertreten. Dafür hat sich Konami offiziell das Team Juventus Turin gesichert, welches deswegen als Piemonte Calcio in Fifa 20 auftaucht. Insgesamt bietet eFootball PES 2020 23 originale Ligen, 31 echte Stadien und 20 fiktive. Es gibt auch dieses Jahr wieder offizielle Partnerschaften, zum Beispiel mit Barcelona, AC Mailand, Inter oder Manchester United. Das ist zwar nicht schlecht, kommt aber leider nicht an das Lizenzpaket eines Fifa heran. Die Realisierung der Partner-Stadien und der Fan-Choreos selbst, wie zum Beispiel das Camp Nou, ist aber eine geniale Angelegenheit. Hier kommt mittlerweile sehr gute Stadionatmosphäre auf! Nur in den fiktiven Stadien leidet das ein wenig. Die Soundkulisse ist klasse und sorgt bei Fans teilweise für Gänsehaut. Alle Spieler der Partnervereine wurden übrigens über ein großzügiges Capturingverfahren in das Spiel integriert und sehen ihren realen Vorbildern sehr ähnlich. Konami wird über das Ausliefern von Datapacks auch entsprechende Änderungen nachliefern. Hier reden wir nicht nur von Änderungen innerhalb der Mannschaften, sondern auch Frisuren oder neue Tattoos sollen so nachgeliefert werden.
Eine Besonderheit, die nächstes Jahr bereitgestellt wird: Durch eine Partnerschaft mit der UEFA ist eFootbal PES 2020 das offizielle Game zur EURO 2020 und wird einen kostenlosen DLC, mit über 50 originalen Nationalmannschaften, Trikots und Wappen, geliefert bekommen.
Die Änderung des Titels von PES hin zu eFootball PES 2020 liegt übrigens darin begründet, dass Konami sich nun mehr denn je dem E-Sports verschrieben hat und auch einiges an Geld für Turniere locker gemacht hat. Wie gut dies ankommen wird, werden wir in naher Zukunft sehen.
eFootball PES 2020 ist seit dem 10.09.2019 ab 39,95 Euro im Handel erhältlich.

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