Low Tony Hawk?

Wir schreiben mit 2020 ein Jahr der Comebacks. Seien es Remastered, Remakes oder andere Re-Geschichten. Aber 2020 feiert auch ein das gewaltige Comeback eines lang vergessenen und von vielen Spielern heiß vermissten Genres! Denn wenn Namen wie Rodney Mullen, Bob Burnquist, Erik Koston oder andere fallen, schlackern die Ohren vor Freude und die Lust auf Impossibles, 5-0 Grinds und Handplants wird größer. Natürlich reden wir vom Skateboarden und Easy Day Studios schmeißen mit Skater XL dieses Jahr als erster ihren Kontrahenten in den virtuellen Skatepark.
Die Quintessenz des Skateboardens
In Skater XL spielen wir zwar keinen berühmten Star der Szene, aber jemanden, der ordentlich was drauf hat. Easy Day Studios gehen mit ihrem Spiel einen anderen Weg als Tony Hawk’s Pro Skater oder damals Skate 3. Wir bekommen keine Missionen vorgesetzt, in den wir Kombos ballern müssen, um die Milliarden-Punkte-Schallmauer zu durchbrechen. Wir müssen unseren Körper nicht schreddern für Punkte, wie in einem Skate 3. Wir haben hier wirklich die pure Essenz des Skateboardens. Zur Verfügung stehen uns unterschiedliche Maps, darunter eine Schule, ein Stadtareal oder ein klassischer Skatepark. Diese Bereiche sind nicht riesig oder zusammenhängend, wie die Stadt aus Skate 3 oder die Level aus den späteren Tony Hawk-Spielen, bieten aber genug Platz und interessantes Leveldesign, um Tricks und Kombos auszuführen. Insgesamt gibt es zwei Standard-Charaktere und vier Profis als Avatare sowie fünf Maps. Sicher fragen sich nun manche von euch, was denn eigentlich unsere Aufgabe ist. Das verrät der Titel des Absatzes: Skater XL hat keine fette Präsentation oder Aufgaben in den Arealen. Es geht um das, was Skateboarden ist. Such dir eine Line und baller sie durch, bis du mit dir selbst zufrieden bist. Es gibt überall auf den Maps die Möglichkeit, Flips, Grinds, Manuals und Grabs durchzuziehen. Die Bereiche sind vom Aufbau her dafür ideal angelegt, egal ob es Roofs oder verschiedene Stair-Sets sind oder auch einfach nur der 720 Tre Flip into the Bank. Das alles ist untermauert durch eine wirklich gelungene und genaue Steuerung. Während bei Tony Hawk-Spielen damals die Viereck-Taste der Playstation für die Kick- und Heelflips genutzt wurde, orientiert sich Skater XL eher an Skate. Wir nutzen hier nämlich die Analog-Sticks des Controllers, um jeweils einen Fuß zu steuern: Der linke Stick für den linken Fuß, der rechte Stick für den rechten Fuß. Die Schultertasten sind für Grabs und Rotation vorgesehen. Alles in allem geht die Steuerung sehr gut von der Hand und ist meiner Meinung nach die Art von Steuerung, die sich in Skateboard-Spielen etablieren sollte. Für einen Heel Flip müssen wir zum Beispiel den rechten Stick nach hinten bewegen, um in die Ollie-Animation zu kommen, und direkt nach dem Loslassen den linken Stick nach rechts bewegen, um den vorderen Fuß zur rechten Seite unseres Boards zu bewegen. Es fühlt sich einfach realistisch an. Aber man merkt Skater XL leider auch an, dass es kein großes AAA-Spiel ist, sondern von einem kleinen Studio produziert wurde.
Das Auge grindet mit
Gerade bei den Animationen und den Umgebungen merkt man, dass kein EA oder Activision dahinter steht. Die Areale überzeugen zwar mit gutem Levelaufbau, aber die Texturen wirken doch teils arg matschig und ein gewisses Kantenflimmern lässt sich nicht leugnen. Das Charakterdesign ist eher zwecksmäßig gehalten und wir haben auch keine großen Individualisierungs-Optionen. Mimik und Gestik sind kaum vorhanden und die Animationen wirken teilweise sehr hölzern. Auch die Ragdoll-Effekte sind eher bieder. Wenn wir stürzen, sieht es meistens so aus, als wären wir vorher auf einen Besen gefallen, der uns durchstoßen hat, sodass unser Körper nur noch gerade wie eine Bahnschranke umfallen kann. Es gibt keine Animationen, die suggerieren, der Skater würde seinen Fall bremsen wollen. Außerdem kommt es immer mal wieder zu Clipping-Fehlern. Das ist natürlich Meckern auf hohem Niveau, dafür, dass ein sehr kleines Entwicklerstudio dieses Spiel programmiert hat. Es fällt nichtsdestotrotz unangenehm auf. Was dafür auf hohem Niveau spielt, ist die audiotechnische Untermalung. Das Geräusch der Rollen auf Asphalt oder das Aufschlagen der Trucks auf Metall klingt für mich als ehemaligen Boarder absolut befriedigend. Besonders gelungen ist die Musik. Sie passt einfach zu der entspannten Zeit, welche wir in Skater XL haben wollen. Gechillt die Lines suchen, runterballern und weiter suchen. Ich fühle mich wieder in eine sehr entspannte Zeit zurückversetzt. Störend ist die Tatsache, dass wir nach Stürzen nicht am Punkt des Sturzes starten, sondern an dem Punkt, an dem wir unseren Spawn Marker gesetzt haben. Das kann bei einer grandios laufenden Line schon ein paar Meter entfernt sein und wir müssen uns erst wieder an den Ort des Geschehens vortricksen. Wenn wir dann aber mal eine wunderbare Line gefahren sind, können wir uns noch im Replay-Editor austoben. Dieser ist leider nicht sonderlich intuitiv, bietet aber gute Möglichkeiten, seine Lines noch derber in Szene zu setzen. Für mich persönlich ist das größte Problem von Skater XL leider, dass gerade Aufgaben wie “Mache 100.000 Punkte in einer Kombo” oder “Sammle das S-K-A-T-E” fehlen. Mir haben solche Aufgaben immer eine extra Portion Motivation gegeben. Und wenn wir uns den weiteren Verlauf des Jahres angucken, bekommt Skater XL einfach eine paar brachiale andere Spiele vorgesetzt. Mit dem Remake von Tony Hawk’s Pro Skater 1 + 2 und Skate 4 stehen nämlich sehr namhafte Konkurrenten in den Startlöchern.

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