Schwache Helden

Als vor knapp drei Jahren Publisher Square Enix erstmals angekündigt hat an einem Superhelden-Spiel im „Marvels Avengers“-Universum zu arbeiten war die Begeisterung groß. Doch schnell kamen die ersten Fragen auf: Was für ein Art Spiel möchte Entwicklerteam Crystal Dynamics abliefern? Macht ein Loot-System mit Helden überhaupt Sinn? Und warum wird die Kampagne so strikt vom Koop getrennt? Nach einer dreiwöchigen Testzeit können wir diese Frage nun beantworten.
Story ist OK
Obwohl auf der Verpackung „Avengers“ steht dreht sich das Spiel hauptsächlich um die neue Heldin Kamala Khan, die später zu Ms. Marvel wird. Die knapp 12 Stunden lange Kampagne startet mit einem dramatischen Einstieg: Während des A-Days (Superhelden-Feiertag) soll der Bevölkerung von San Francisco eine neue wissenschaftliche Errungenschaft vorgestellt werden. Plötzlich wird die Stadt aber angegriffen und die Avengers schaffen es nicht, das Schlimmste zu verhindern. Der Helicarrier der Heldentruppe stürzt ab und reißt viele Menschen, unter anderem auch Captain America selbst, in den Tod. Dabei wird der von einem Terrigen-Kristall befeuerte Hauptreaktor des Schiffs zerstört, und Terrigen-Nebel freigesetzt - eine Substanz, die aus bestimmten Menschen „Inhumans“ genannte Mutanten macht. Nach diesen Geschehnissen zerfällt das Superhelden-Team und eine Organisation namens „AIM“ unterdrückt zunehmend alle Inhumans. An diesem Punkt tritt Kamala auf den Plan, die, ausgestattet mit extrem dehnbaren Gliedmaßen, versucht die untergetauchten Avengers aufzuspüren. In den ersten Missionen treffen wir auf Bruce Banner aka Hulk, der optisch, zum Glück, besser aussieht als noch in den offiziellen Trailern. Danach folgen Iron Man, Black Widow usw. Die Kampagne erinnert in Sachen Stimmung und Aufmachung an das Marvel Cinematic Universe, wobei die Qualität immer wieder schwankt. Spätestens an dieser Stelle muss erwähnt werden, dass man aus Lizenzgründen nicht auf die bekannten Gesichter und Stimmen der Hollywood-Avengers-Darsteller setzt. Das ist grundsätzlich nicht schlimm, da die meisten „neuen“ Protogonisten stimmig rüberkommen. Mit einer Ausnahme: Tony Stark. Der hat nicht einmal 5% von dem Charisma eines Robert Downey junior.
Kampfsystem ist OK
In der Geschichte steuert man die meiste Zeit über Kamala Khan, dürfen aber auch Abschnitte mit jedem der wieder hinzugekommenen Helden lenken und seine Spezialfähigkeiten kennenlernen. Dieses Konzept sollte, zumindest auf dem Papier der Entwickler, für viel Abwechslung sorgen - tut es aber nicht. Das liegt vor allem daran, dass man über weite Strecken nur eins macht: Gegner verkloppen. Es ist ziemlich egal, ob man als Hulk ein Forschungslabor überfällt oder als Black Widow eine Geheimbasis infiltriert. Am Ende läuft es immer auf einen Nahkampf mit zahlreichen Gegnern hinaus. Theoretisch(!) könnte Crystal Dynamics dieses „müde“ Gameplaykonzept mit einem tollen Kampfsystem auflockern, was aber nur bedingt klappt. Das Hauen und Treten in Kombination mit ein paar Specialattacken macht anfangs noch Spaß. Es gibt aber einige Probleme. Da wären zum Beispiel die Fernkampfangriffe von Black Widow mit den Pistolen, die kaum einen „impact“ haben und schnell zur Nebenrolle werden. Selbst die Ultima-Attacken fallen bei einigen Helden erstaunlich unspektakulär aus (zum Beispiel: Kamala wird einfach etwas größer). Darüber hinaus sind die Abklingzeiten der einzelnen Spezialfähigkeiten zu lang ausgefallen, was man vor allem beim Hulk merkt. Selbst mit den flugfähigen Thor und Iron Man verbringt man die meiste Zeit am Boden kämpfend. Ein weiteres Problem, welches vor allem in größeren Kämpfen immer wieder auftritt: die Übersicht geht schnell flöten. Grundsätzlich haben sich die Entwickler am Kampfsystem der Batman Arkham Teile und dem aktuellen Spider-Man Spiel orientiert. Heißt kurz zusammengefasst: Tritt, Schlag, Specialattacke und Ausweichen. Im fertigen Spiel hapert es beim Anvisieren von einzelnen Feinden und in engen Räumen muss man viel zu oft die Kamera per Hand nachjustieren. Dazu kommen die zahlreichen Effekte wie Laserstrahlen und Explosionen, die auch nicht gerade die Übersicht verbessern. Etwas besser wird es in den wenigen weitläufigen Missionsgebieten.
Grinden und Loot
In Sachen Charakterfortschritt bietet die Kampagne bereits alles, was auch den Kern der Multiplayer-Missionen ausmacht. Neben den klassischen Leveln, die die Helden durch das Sammeln von Erfahrungspunkten erreichen und damit Fähigkeitspunkte für die Talentbäume freischalten, gibt es die viel wichtigere Kraftstufe. Vergleichbar mit dem Gear Score von The Division 2 steigert man den allgemeinen Ausrüstungswert durch das Finden und Anlegen neuer Loot-Gegenstände. Wirklich entscheidend sind diese Mechaniken für die Kampagne aber kaum. Der Loot mit der höchsten Stufe wird angelegt, der Rest zugunsten von Ressourcen verschrottet und wenn genug davon da sind, wird die Ausrüstung eben aufgewertet. Die Probleme dieses Systems dahinter werden im Multiplayer-Part allerdings schnell deutlich.
Unser Testvideo zu Marvels Avengers


Multiplayer und Endcontent auch nur OK
Der dedizierte Mehrspieler-Part von Marvels Avengers wird über den Menüpunkt „Avengers-Initiative“ gestartet. Dort bekommt man am Anfang eine kurze Zusammenfassung der Kampagnen-Story geliefert. Aber um die Story geht es jetzt wirklich nur noch ganz am Rande. Wichtig sind die verschiedenen Koop-Einsätze, die man mit bis zu drei weiteren Mitspielern (oder KI-Bots) angehen kann. Der Ablauf ist immer gleich: Mission anklicken, Helden auswählen und eine kurze Zeit im Avengers-Helicarrier, der als Hub-Welt fungiert verbringen. In jeder Region stehen verschiedene Aufträge zur Auswahl, die sich aber in puncto Missionsstruktur kaum bis gar nicht unterscheiden. Wirkliche Unterschiede zwischen den Missionen findet man eher in Sachen Umfang und Story-Komponente. Am häufigsten kommen die weitläufigen Areale namens „Warzones“ zum Einsatz, die eine Mischung aus verpflichtenden und optionalen Missionszielen bieten. Dass sich die Missionen austauschbar anfühlen, wird durch den Baukasten-Charakter des Leveldesigns noch verstärkt. Jede Region hat eine bestimmte Klimazone sowie eine Reihe meist AIM-typischer Gebäude. Letztere werden pro Mission ein bisschen durchgemixt und mit anderen Gegnern bestückt, fertig ist die neue Mission. Für ein bisschen Abwechslung sorgen die Schurkensektoren und die Shield-Bunker, die mit einem Bosskampf beziehungsweise einer Art Horde-Modus aufwarten.
Der Charakterfortschritt im Spiel ist nicht an einen Hauptcharakter gebunden, sondern verteilt sich auf alle Helden. Jeder Avenger hat dabei seine eigene Heldenstufe, die sich mit dem Sammeln von Erfahrungspunkten füllt. Für jeden Levelaufstieg gibt es Fertigkeitspunkte, die in zwölf verschiedenen Talentbäumen investiert werden können. Hier lassen sich dann neue Nahkampf- und Fernkampfkombos freischalten oder auch bestehende Fertigkeiten verbessern, etwa über längere Wirkungsdauer von Buffs. Dadurch wächst mit der Zeit das verfügbare Move-Set der Helden, was die Kämpfe im späteren Spielverlauf tatsächlich eine Spur interessanter machen. Beim Loot sieht die Sache leider komplett anders aus: Je besser die Gegenstände, desto stärker der Held. Das war es dann aber auch schon, denn ein Unterschied ist nicht zu sehen oder zu spüren, wenn man angelegte Gegenstände austauscht. Im Spiel selbst gibt es allerdings recht viel Loot zu finden, immer in den üblichen Seltenheitsstufen. Ein bisschen Reiz hat das Sammeln und Anlegen zwar trotzdem, doch die große Befriedigung, endlich eine legendäre Waffe oder eine epische Rüstung erhalten zu haben, bleibt komplett aus.
Game as a Service
Das neuste AAA-Spiel aus dem Hause Square Enix ist als „Game as a Service“-Titel konzipiert. Demnach darf man sich auf viele Updates und Erweiterungen mit Zusatzinhalten einstellen - vermutlich über viele Jahre hinweg. Bereits angekündigt sind weitere Superhelden: Hawkeye und Kate Bishop sind für alle Plattformen bestätigt, Spider-Man nur auf der PlayStation 4 und 5. Langfristig möchte der Publisher Geld über den Ingame-Store einnehmen, der, aktuell, nur kosmetische Gegenstände wie zum Beispiel neue Heldenoutfits bietet.
Technik ist….
Das Technikgerüst von Marvels Avengers basiert auf der Foundation-Engine, welche Square Enix schon beim sehr ansehnlichen Shadow of the Tomb Raider verwendet hat. Beim Superhelden-Spiel bekommt man zwar hübsche Effekte und detaillierte Charaktermodelle geboten, doch der Rest (Texturen, Weitsicht, Leveldetails) ist eher bessere Standardkost. Darüber hinaus leidet der Titel (noch) an Performanceeinbrüchen und langen Ladezeiten. Auch diverse Bugs und Clippingfehler gehören zum Helden-Alltag.

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