Es wird eisig

Wer liebt es nicht bei eisigen Temperaturen drinnen ordentlich die Heizung aufzudrehen, ein gutes Buch zu lesen und den Schneesturm draußen Schneesturm sein zu lassen. Leider fällt dieses gemütliche Szenario in Frostpunk flach. 11 bit studios, die auch schon This War of Mine entwickelten, versprechen uns mit ihrem neuen Spiel das erste Gesellschaftsüberlebensgame. Und wie dieses Überleben aussieht, haben wir uns angeschaut!
Exodus aus London
Im einen Moment denkt man noch, dass man sich die Welt Stück für Stück Untertan machen kann, im nächsten schlägt die einfach zurück. In der Steampunk-Welt von Frostpunk sinken auf der ganzen Erde die Temperaturen. Was als einfacher Schneesturm beginnt, begräbt die menschliche Zivilisation zunehmend unter ewigem Eis. Ein Plan muss her, und zwar schnell! So entsteht das Projekt, die Menschen nicht länger in kaum zu heizenden Städten leben zu lassen, sondern ein Netzwerk aus heizenden Generatoren zu besiedeln. Kleine, unabhängige Kolonien statt unselbständiger Riesenstädte. Also brechen hartgesottene Londoner nach Norden auf, lassen ihr gewohntes Leben hinter sich und trotzen den unwirtlichen Temperaturen. Als man dann endlich den versprochenen Generator erreicht, ist die Hoffnung groß – aber damit ist das Überleben noch nicht sichergestellt. Kohle für den lebensspendenden Generator muss ran, die Leute wollen essen und natürlich will man auch andere Überlebende im endlosen Weiß finden. Um das zu managen gibt es uns. Wir sind der Captain dieser Expedition mutiger Städter. Aber haben wir wirklich alle Antworten? Was, wenn es gar nicht alle aus London rausgeschafft haben? Was, wenn es nicht wieder wärmer wird? Und was, wenn die Temperatur auf -70°C fällt, unsere Siedler kaum arbeiten können ohne sich lebensgefährlich zu verletzen und der gierige Generatorenschlund trotzdem weiter mit Kohle gefüttert werden muss? Treffen wir dann die harten Entscheidungen, damit wir überleben? Ja. Ja, das tun wir.
Harte Entscheidungen
Wir helfen diesen wackeren Ex-Londonern nicht nur beim Überleben, sondern wir errichten ihnen eine neue Heimat, tief im Eis. Um unseren Generator herum bauen wir also Unterkünfte, sorgen für die Nahrungsversorgung und kümmern uns um die Bedürfnisse unserer Einwohner. So weit, so gut. Dann kommt da allerdings die Sache mit dem Wetter. -20°C sind mit einer Behausung noch halbwegs zu ertragen. Aber -60°C? Wir entscheiden also auch, welche Gebäude nah an unserer Wärmequelle stehen sollten. Unterkünfte, klar. Eine Krankenstation auch? Kranke Menschen können nicht arbeiten. Arbeitsplätze, die zu weit weg von unserem warmen Siedlungszentrum stehen, bringen immer die Gefahr mit sich, dass Menschen krank werden, wenn wir sie nicht irgendwie heizen können. Zum Glück sind wir ja pfiffig und forschen nach neuen Möglichkeiten, zu überleben. Beispielsweise mit kleinen Heizgeneratoren. Oder verbesserter Rohstoffversorgung. Und dann müssen wir uns ja auch noch darum Gedanken machen, andere Überlebende zu finden. Dafür schicken wir Scouts raus aus der relativen Sicherheit unserer Siedlung in die unerbittliche Einöde. Überlebender ist aber nicht gleich Überlebender. Es gibt gewöhnliche Arbeiter, erfahrene Ingeneure und sogar Dampfmaschinen, die wir alle für unterschiedliche Zwecke einsetzen können. Da wir hier aber eine ganze Gesellschaft spielen, erlassen wir auch Gesetze. Das können harmlose Dinge sein, wie das Erlauben einer Taverne zur Unterhaltung oder Extraschichten, damit unser Wirtschaftsmotor brummt. Allerdings herrscht in Frostpunk selten heitere Stimmung. Also müssen wir auch entscheiden, ob wir Kinder sicher in Tagesstätten unterbringen oder Kinderarbeit einführen, um unsere Arbeitskraft zu steigern. Sollten wir Schwerkranke behandeln, obwohl wir es schlimmer machen könnten oder sie erstmal nur am Leben halten, bis wir bessere Behandlungsmethoden entwickelt haben? Anfangs steht uns nur ein Gesetzbuch zur Verfügung, aber während sich unsere Gesellschaft weiterentwickelt, können wir uns für weitere entscheiden. Dabei bleibt die Atmosphäre aber düster. Überleben ist schließlich kein Zuckerschlecken. Damit es nicht zu einfach wird, achten wir auch darauf, dass unsere Einwohner nicht unzufrieden werden und noch über genug Hoffnung verfügen, morgens aufzustehen. Dafür stellen sie uns ab und an Forderungen, auf die wir eingehen können, aber nicht müssen. Am Ende treffen eben wir die Entscheidungen. Und wenn wir es vollkommen verhauen, steht eines Tages ein wütender Mob vor unserer Tür und schmeißt uns aus der Siedlung – Game Over.
Hart, dreckig, gemein
Im Grunde treffen diese drei Worte recht gut den Kern von Frostpunk. Es herrscht eine gedrückte Stimmung, und die transportiert Frostpunk irre gut. Der gewollt raue Grafikstil, gepaart mit den stimmungsvollen Artworks, die uns die Ereignisse optisch näherbringen, fangen die Atmosphäre gut ein. Aber wir hätten uns gewünscht, näher an das Geschehen heranzoomen zu können. Wenn wir die Augen offen halten, finden wir auch einige überraschend liebevolle Animationen, wie die Bewegung der Dampfautomaten. Dafür macht man dann eben Abstriche bei der Synchronisation. Die wenigen gesprochenen Stellen im Spiel bleiben auf Englisch, und die deutschen Texte haben hier und da kleinere Schwächen. Außerdem wird die Welt von Frostpunk nicht zufällig generiert. Unsere Scoutteams entdecken stets die gleichen Orte an stets der gleichen Stelle, in jedem Spieldurchlauf. Man erzählt uns eben eine zusammenhängede Geschichte, vom Überleben der vielleicht letzten Menschen. Auch hätten wir uns gewünscht, uns etwas mehr mit einzelnen Überlebenden identifizieren zu können. Leider bleiben die aber mehr menschliche, gesichtslose Ressource statt wirklich Charakter zu entwickeln. Der Schwierigkeitsgrad bleibt herausfordernd, denn obwohl wir zu Beginn immer die gleichen Schritte unternehmen – Wohnung, Nahrung, Rohstoffe – ist es gar nicht mal so einfach, alle Bedürfnisse unserer Bewohner zu befriedigen. Neben dem Hauptszenario können wir noch zwei weitere Szenarien freischalten, mit ihrer eigenen Welt zum Erkunden und speziellen Herausforderungen und Zielen.

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