Langes Experiment

Experiment 101 haben ihr Spiel Biomutant erstmals auf der Gamescom 2017 angekündigt. Nach dem ersten Trailer, welcher uns ein durch Mutationen auf zwei Beinen laufendes, Waschbären-ähnliches Wesen zeigte, war Biomutant für viele eines der am meisten erwarteten Spiele überhaupt. Nach nunmehr vier Jahren Entwicklungszeit und einer Verschiebung aus dem Jahr 2020 hinaus in 2021 ist Biomutant endlich erschienen! Aber konnte das 20-köpfige Entwicklerteam die zusätzliche Entwicklungszeit sinnvoll nutzen und Biomutant zu einer grandiosen neuen IP machen? Oder ist aus Biomutant ein wildes Wesen ohne Seele geworden?
Eierlegende Wollmilchsau
Biomutant stellte sich damals bei der ersten Präsentation als Spiel vor, welches als grandioses Open World-Spiel überzeugen wollte. Es sollte RPG-Elemente enthalten, dazu aufregende Kämpfe bieten und ein Crafting-System. Außerdem war ein Moral-System geplant, das eure Aura in die dunkle oder helle Richtung lenkt - all das verpackt in eine großartige, zum Nachdenken anregende Story. Aber wird all das auch geliefert? Im ersten Moment wirkt der Charaktereditor schon sehr vielversprechend. Wir können unseren genetischen Code in vielen Bereiche verändern - Stärke, Agilität, Intellekt, Charisma und Vitalität. Das Aussehen des Charakters verändert sich mit unseren Entscheidungen. Wählen wir einen hohen Stärke-Wert, wird unser Charakter mit einem dicken Bizeps und breiten Schultern gesegnet. Entscheiden wir uns aber für einen hohen Intellekt, hat unser Charakter einen extrem großen Kopf und einen schlanken Körper. Neben diesen Werten entscheiden wir uns im Anschluss noch für den Felltyp und die Farben sowie eine Klasse. Bei diesen liegt der Unterschied aber nur in den Klassenperks, der Startausrüstung und den individuellen Fähigkeiten die wir dadurch lernen können. Das macht sich jedoch nur in den ersten Stunden bemerkbar, da wir andere Waffenarten und damit verbundene Fähigkeiten nach und nach ohne Probleme bekommen und lernen können. Die unterschiedlichen Attribute, verändern die Spielweise des Charakters aber kaum bis gar nicht. Das Kampfsystem ist dann der erste Lichtblick, auch wenn es schnell abgenutzt wirkt. Die Kämpfe sind ein wenig wie in Dark Souls, ohne jemals die gleiche Intensität zu entwickeln. Wir haben in Biomutant neben den standardmäßigen Nahkampfwaffen, wie Einhandschwerter oder Großschwerter auch noch Pistolen, Automatikgewehre und Schrotflinten zur Verfügung. Daraus hätte ein abwechslungsreiches Kampfsystem entstehen können, die meiste Zeit habe ich mich aber dabei erwischt, Gegner einfach zu blocken, nach einem erfolgreichen Stun in die Luft zu schleudern und sie dort in ihre Einzelteile zu zerlegen. Bei stärkeren Gegnern hat sich das meistens gewandelt in Ausweichen, Fähigkeiten einsetzen, um die Super-Wu-Fu-Leiste zu füllen, und dann mit der Super-Wu-Fu-Technik den Gegnern die Fresse polieren. Die Kämpfe sind zwar fordernd, dies liegt aber nicht an den komplexen Angriffsmustern unserer Feinde, sondern eher an der Menge von gleichzeitigen Gegner auf dem Bildschirm. Das große Manko ist aber, dass man schnell merkt, dass in den meisten Fällen gar kein direkter Konflikt nötig ist. Abstand halten und Schusswaffen verwenden führt auch häufig zum Erfolg. Hier hätte ich mir ein etwas besseres Balancing oder tiefergehendes Kampfsystem gewünscht. Neben den Waffen-Fähigkeiten können wir auch noch Psi-Kräfte freischalten. Diese Punkte generieren wir über herumstehende Schreine oder über Entscheidungen, die unsere Aura in die dunkle oder helle Richtung verschieben. Damit kommen wir auch gleich erstmal zum Moral-System. Entscheiden wir uns den Wollknäueln in der Welt von Biomutant zu helfen und sie zu retten (oder gewisse Dinge für sie zu erledigen), verschiebt sich unsere Aura je nach Entscheidung in die dunkle oder helle Richtung. Das große Problem ist einfach nur, dass es keine guten Gründe gibt, sich auf die dunkle Seite zu schlagen. Es entstehen dadurch keine zusätzliche Dialogoption und wir erhalten dadurch auch keine unglaublich starke Waffe, welche die Lichtkrieger nicht bekommen. Der einzige Grund wäre, sich eine der Moral-Fähigkeiten aus dem Psi-Fähigkeiten-Baum aussuchen zu können. Es ist vielleicht eine nette Idee für bösartige Spieler, die rein daran interessiert sind, Chaos und Verzweiflung zu sähen und um ein alternatives Ende zu sehen. Man hätte aber auch hier wieder wesentlich mehr rausholen können.
Die Geschichten einer zerstörten Welt
Aber um was geht es in Biomutant eigentlich? Wir spielen einen durch Umweltverschmutzung mutierten, Waschbär-ähnlichen Helden in einer postapokalyptischen Welt, in der die Menschheit zwar existiert hat, sich aber selbst in den Abgrund getrieben hat. Überall sind Anzeichen dieser längst vergessenen Zivilisation: Brücken, Autobahnen, Vorstädte. Alles zeugt von einer alten Existenz. Doch der Großkonzern Toxanol hat die Welt mit einer Katastrophe nach der anderen in den Abgrund getrieben. Klimakatastrophen, Umweltverschmutzung und Bio- sowie Nuklearkatastrophen werden in der Geschichte von Biomutant als Grund für das Aussterben der Menschen beschrieben. Das Wort “beschrieben” trifft es dabei ganz gut, denn dieser Teil der interessant klingenden Geschichte wird immer nur im Stile eines Bilderbuchs angerissen. Die Story selbst wird in mehreren Ebenen erzählt: Neben dem, was in der Welt passiert ist, gibt es auch noch die Geschichten um die Weltenbosse und die einzelnen, in der Welt lebenden Stämme, aber auch die Backgroundstory unseres Helden. Genau wie die Was-war-einmal-Geschichten werden diese jedoch gerade einmal angerissen oder oberflächlich erzählt. Wir erfahren von einem furchtbaren Ereignis in der Kindheit unseres Helden und dieses wird zu unserem Leitziel, um Rache an dem Monster Lupa-Lupin zu nehmen. Die einzelnen Stämme haben, um das moralisches System weiter unterstützen zu können, verschiedene Ansichten, wie es mit der aktuellen Welt weitergehen soll. Es gibt drei Stämme welche auf der dunklen Seite agieren und drei weitere auf der hellen. Die “bösen” Stämme wollen den Weltenbaum durch die Weltenbosse vernichten lassen, um die Spielwelt zu reinigen und daraus einen Neuanfang zu generieren, während die anderen Stämme die Weltenbosse töten möchten, um dadurch den Weltenbaum zu retten und die Stämme zu einen. Unabhängig davon, welchem Stamm wir helfen, sind wir der Retter in der Not und dieser Prozess passiert nicht langsam und über viele Quests, sondern sehr schnell und mit wenigen erzählerischen Stilmitteln. Womit wir auch direkt beim Erzählerischen sind. Zwischensequenzen sind interessant gestaltet, die verschiedenen Charaktere haben alle ihre eigene Tiersprache. Übersetzt wird das ganze in eine für den Spieler verständliche Sprache durch unseren Roboter. Doch leider empfand ich den deutschen Sprecher als so dermaßen monoton, dass ich kurz nach Beginn auf den englischen gewechselt habe… Der ist zwar fast genauso monoton, legt aber immerhin mehr Wert auf die Betonung. Außerdem gab es einige Übersetzungsfehler, welche bestenfalls keinen Sinn machten, schlimmstenfalls den Sinn des Satzes änderten. Aber da eben bereits das Wort Quest gefallen ist, müssen wir uns diese auch nochmal genauer anschauen. Diese wirken leider reichlich generisch. Wir werden für die Haupt- und Nebenquests immer wieder wie an einer Schnur von Ziel A in Richtung Ziel B gezogen, nur um dann an Standort C alles abschließen zu können. Nehmen wir als Beispiel die Stammeskriege. Egal für welchen Stamm wir uns entscheiden, wir müssen zuerst drei Außenposten attackieren. Danach können wir das Hauptlager angreifen. Hier würde man jetzt einen riesigen Kampf zwischen den unterschiedlichen Fraktionen erwarten und tatsächlich sammelt sich auch eine kleine Armee vor den Haupttoren des Lagers, aber im Endeffekt ist nur unser mutierter Flauschball und eine Handvoll Stammeskämpfer an der Action beteiligt. Wir bewältigen dann drei Kämpfe, um den Lagerboss oder den gegnerischen Sifu entweder davon zu überzeugen aufzugeben oder gegen ihn als Boss zu kämpfen, nur um ihn DANN im Anschluss töten zu können oder auf unsere Seite zu bringen. Die Nebenquests sind meistens genauso aufgebaut wie oben beschrieben. Wollen wir als Beispiel in eine verseuchte Zone, müssen wir erst den passenden Anzug an einer der Satellitenschüsseln ausfindig machen, uns dann durch einen Bunker kämpfen, den Anzug bekommen und erst dann können wir endlich weiter. Es gibt viele Orte, NPCs und Gegenstände zu entdecken - diese haben teilweise auch sehr viel Potenzial, um relevante Nebenquests entstehen zu lassen, verlaufen sich aber im Standarddesign der Quests. Aber die Open World bringt noch einen positiven Part in Biomutant. Wo viel zu erkunden ist, kann auch viel entdeckt werden. Dazu gehören Materialien wie Schwerthefte, Klingen und allerlei anderes Zeug für unsere Offensive und Defensive. Meistens finden wir diese in der Umgebung oder nach dem Lösen von Rätseln. Diese sind aber kaum erwähnenswert, da diese insgesamt zu einfach sind und nach dem immer gleichen Prinzip funktionieren. Biomutant kommt außerdem mit einem umfangreichen Crafting-System daher, welches uns mehrere Millionen verschiedene Kombinationen an Nah- und Fernkampfwaffen bereitstellt. Hat man sich erstmal an das umständliche Crafting gewöhnt, geht dieses auch gut von der Hand. Unser Charakter nimmt alles, was nicht niet- und nagelfest ist, mit und kann daraus sehr liebevoll gestaltete Waffen herstellen oder Rüstungen verbessern. Es macht eine Menge Spaß, neue Waffen und Rüstungen zu bauen, bringt aber dank das Gameplay das große Problem mit sich, dass die Kämpfe leider wie oben bereits erwähnt zu schnell auf die immer gleiche Technik hinauslaufen. Auf diesem Weg geraten die Werte wieder in den Hintergrund. Außerdem haben die designtechnisch besten Waffen und Rüstungen meist miserable Werte.
Aber auch ein Biomutant kann was
Auch wenn sich alles danach anhört, als wäre Biomutant ein Flop, ist dem gar nicht so. Die Spielwelt ist extrem liebevoll designt und bietet immer wieder interessante Gegenden, die von der Existenz einer anderen, früheren Zivilisation zeugen. Das Setting selbst ist ebenfalls extrem gut, wirkt dank der Biomutanten sehr unverbraucht und würde mich sogar sehr für ein weiteres Biomutant reizen. Kämpfe fühlen sich oft repetitiv an, sind aber trotz ihrer immer gleichen Art und Weise spaßig und gehen mit einem Controller gut von der Hand. Gerade die Bossfights gegen die Weltenbosse haben mir dabei besonders viel Spaß gemacht. Die musikalische Untermalung ist nicht schlecht und bietet immer den passenden Sound zu der aktuellen Situation. Ebenfalls als positiv muss man erwähnen, dass man die Häufigkeit, mit der sich der Sprecher zu Wort meldet, einstellbar ist und die englische Audiospur in meinen Ohren um einiges besser funktioniert.
Die Controller-Steuerung geht ebenfalls gut von der Hand und erlaubt schnelle Kämpfe und das regelmäßige Anwenden von Kombos oder Fähigkeiten ohne Probleme. Ich empfehle aber jedem, die Tastatursteuerung erst gar nicht zu probieren, außer euch ist aufgrund radioaktiver Strahlung ein dritter Arm gewachsen.
Biomutant ist seit dem 25. Mai 2021 für PlayStation 4, Xbox One und Windows-PC zum Preis von 44,95 Euro erhältlich. Das Spiel läuft auch auf PS5 und Xbox Series X, spezielle Upgrades mit besserer Grafik sollen zu einem späteren Zeitpunkt folgen.

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