Pest oder Ratten?

Was haben Frankreich, die Inquisition und eine Horde todbringender Nager gemeinsam? Sie alle sind Bestandteil von Asobo Studios Spiel A Plague Tale: Innocence. Als 14-jährige Amicia schlagen wir uns mit ihrem kleinen Bruder Hugo durch das vom hundertjährigen Krieg und der neu aufgetreten Pest gebeutelte Frankreich.
Was ist schlimmer? Die Pest oder ne Ratte?
Wir lernen die junge Amicia bei einem Ausritt mit ihrem Vater und ihrem Hund Lion kennen. In einem schick aufgemachten Tutorial werden wir mit Amicias Bewegungen bekannt gemacht. Amicia ist in der Lage über kleine Hindernisse zu klettern, zu schleichen, zu rennen und mit ihrer Schleuder zu hantieren. Dies ist sehr einfach gehalten und Bedarf keiner komplizierten Zielmechanik, da das Spiel uns unterstützt. Auf der anderen Seite haben wir Ihren Bruder Hugo, welcher aufgrund einer Erkrankung eher isoliert von Amicia aufwächst. Er ist der ruhigere und ängstlichere Charakter. Aber durch den unbarmherzigen Schlag der Inquisitoren müssen Amicia und Hugo sich zusammenraffen und sich auf den Weg machen die Inquisition, die Pest und eine mysteriöse Rattenplage zu überstehen. Über diesen Storykniff versucht Asobo uns die Charakterentwicklung besser begreifbar zu machen und sie uns näher zu bringen. Dies gelingt den Entwicklern sogar sehr gut. Wir sehen und hören das Entsetzen, wenn Amicia das erste Mal töten muss um ihren kleinen Bruder zu beschützen. Aber auch, wenn Amicia den Rattenhorden ein lebendiges Schwein zum Fressen vorwirft, um weiter voranschreitet zu können. Auch Hugo ist nicht unnütz oder nervig. Er hilft uns an Stellen, an denen wir nicht weiterkommen, zum Beispiel bei kleinen Löchern. Er will aber nicht alleine gelassen werden und quengelnd manchmal.
Technisch interessant, spielerisch mau
Die Geschichte wird in sehr gut designten Zwischensequenzen weitererzählt. Hier merkt man Asobo Studios an, das sie sehr großes Augenmerk auf Mimik und Gestik gelegt haben. Während im Spiel selbst die Animationen und Gesichter teilweise steif wirken, können die Zwischensequenzen überzeugen. Selbst die Grafik im Spiel kann sich für ein Indie-Projekt sehen lassen. Es gibt schöne Umgebungen, beeindruckende Lichteffekte und vor allem viel zu sehen, wenn sich mehrere Hundert Ratten auf dem Bildschirm tummeln. Aber es ist ja bekanntlich nicht alles Gold was glänzt. Und dies zeigt sich vor allem im spielerischen Bereich. A Plague Tale ist nämlich eher ein Schleichabenteuer mit Rätseleinlagen. Da wir ein 14-jähriges Mädchen spielen, welches nicht frisch aus dem Marvel Universum stammt, sind wir leichte Beute für alle menschlichen und nichtmenschlichen Gegner, wenn sie in Schlag, Wurf oder Fressreichweite sind. Dieser Ansatz zieht sich durch das gesamte Spiel wie ein roter Faden. Ausspähen, schleichen, weiterkommen. Dies wird im Laufe der Zeit durch neue Begleiter und alchemistische Rezepte erweitert, bleibt in der Grundmechanik aber stets dasselbe. Garniert wird das Spielgeschehen mit Rätseln und der Möglichkeit, Situationen unterschiedlich anzugehen. Hierfür sind die neuen alchemistischen Rezepte von Nöten, welche zum Beispiel Lichtquellen entzünden oder löschen können.
Storylastiges Singleplayer-Vergnügen
A Plague Tale beschäftigt den Spieler auf hohem erzählerischen Niveau, circa zehn bis 14 Stunden lang. Wir können zwar noch zusätzliche Gegenstände finden, diese laden aber nicht dazu ein die 17 Kapitel erneut durchzuspielen. Hier wäre es schön gewesen, wenn es ein Entscheidungssystem und mehrere Endings gegeben hätte. Aber alles in allem hat Asobo viel Liebe ins Detail investiert. Seien es die tollen Zwischensequenzen, die interessanten Charaktere oder auch, dass in mehrere Synchronisationen investiert wurde. A Plague Tale bietet nur wenige Kritikpunkte und bietet für mich das beste Storytelling-Projekt des bisherigen Jahres. Einige Zwischensequenzen haben mich schon ziemlich schockiert oder traurig zurückgelassen.

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