Harte Kost


Auf dem ersten Blick wirkt Spec Ops: The Line vom deutschen Entwicklerteam Yager wie ein typischer Actiontitel - doch das Spiel hat mehr auf dem Kasten. Das liegt vor allem an der erwachsenen Geschichte, welche sich an Joseph Conrads berühmter Erzählung "Herz der Finsternis" orientiert. Spec Ops: The Line präsentiert sich als grundsolider Third-Person-Shooter, der sich mit guter Handlung und dichter Atmosphäre von dem Einheitsbrei abhebt.

Die Handlung

Spec Ops: The Line handelt von drei US-Soldaten, angeführt von dem spielbaren Captain Walker. Das Delta-Force-Team hat einen ungewöhnlichen Auftrag: Es soll die Ruinen von Dubai auf Lebenszeichen untersuchen, nachdem die Wüstenmetropole sechs Monate zuvor in einem gigantischen Sandsturm untergegangen ist. Dort angekommen trauen die drei Männer ihren Augen nicht: Die gesamte Stadt wird von einer Militäreinheit regiert, Zivilisten wie Soldaten werden auf grausamste Weise hingerichtet. Das Trio bemüht sich die Lage aufzuklären, gerät aber unter heftigen Beschuss - und zwar nicht etwa von arabischen Terroristen oder dergleichen, sondern von US-Soldaten. Damit hebelt Yager gekonnt das übliche Feindbild-Klischee vieler Actionspiele aus und sorgt immer wieder dafür, dass man die Menschen, die man da beschießt, auch als solche wahrnimmt.

Das Entwicklerteam sorgt im Laufe der knapp siebenstündigen Kampagne für einige Schockmomente. Angeblich gegnerische Einheiten werden mittels Phosphorgranaten bis auf die Knochen verbrannt und selbst Frauen und Kinder kommen zu Tode. Diese Bilder sind nur schwer verdaulich und verfehlen ihre Wirkung nicht: Man fühlt sich nicht mehr wie ein Held, sondern wie ein Täter. Im weiteren Verlauf des Titels verändert sich auch die Psyche unserer drei Protagonisten zunehmend: Sie werden brutaler, coole Sprüche bleiben aus - die Männer zerbrechen regelrecht an der Gewalt.


Das Gameplay

Beim Gameplay bekommt man solide Action geboten: Man geht in Deckung, ballert auf heranstürmende Gegner und sammelt neue Waffen ein. Aufgrund des linearen Aufbaus der Level konnte Entwicklerteam Yager zahlreiche Skriptmomente einbauen. Ebenfalls mit von der Partie: Scharfschützensequenzen und Moorhuhn-Ballereinlagen mit einem Granatenwerfer und stationären MGs. Doch fehlende Innovationen hin oder her, man sollte dem Spiel auch nicht seine Qualitäten absprechen: Spec Ops: The Line ist ein grundsolider Deckungsshooter, der Ballerspaß bringt - und das ist die Hauptsache. Was wir aber dennoch sehr schade finden: Ursprünglich hatte Yager angekündigt, man könne die Sandmassen der Wüste taktisch nutzen, etwa indem man eine Glaswand einschießt, so den Wüstensand ins Gebäude eindringen und die Feinde lebendig begraben lässt. Dieses Feature ist auch tatsächlich enthalten, allerdings nur in Form streng vorgegebener Skript-Sequenzen, die man meist auch erst dann auslösen darf, wenn einem das Spiel das erlaubt.

Entscheidungen

Mehrmals im Verlauf der Kampagne gibt es Entscheidungsmomente, in denen wir Zivilisten oder Militärangehörige retten können. Diese Szenen haben zwar keinen Einfluss auf den Spielverlauf, gauckeln aber zumindest vor, dass man die Geschichte bis zu einem gewissen Grad lenken kann. Erst ganz am Ende kann der Spieler dann wirklich Einfluss ausüben und sich zwischen drei verschiedenen Endsequenzen entscheiden.

Multiplayer

Aktuell besteht der Multiplayer nur aus klassischen Deathmatch-Partien, die lediglich für eine kurze Zeit unterhalten können. Aber: Im Laufe des Sommers wird das Entwicklerteam einen kostenlosen DLC veröffentlichen, der einen separaten Koop-Modus in Spec Ops: The Line integriert. Wir sind gespannt!

Technik

Der Steuerung merkt man zwar an, dass sie in erster Linie für Gamepads konzipiert wurde (mehrfach belegte Tasten, ungewohnte Sprint-Mechanik), doch nach ein paar Spielminuten geht auch die Maus-Tastatur-Bedienung völlig in Ordnung.

Die verwendete Engine (Unreal 3) zaubert flüssige Animationen, hübsche Lichteffekte und detailreiche Figuren auf den Monitor. Darüber hinaus läuft Spec Ops: The Line auch auf älteren PCs mit flüssigen 60 Bildern pro Sekunde.

Stets passende (Rock)Musik und authentische Waffensounds sorgen für die richtige Atmosphäre. Weniger Grund zur Freude gibt es beim Zuhören der deutschen Vertonung: Die Sprecher plaudern ihre Texte ziemlich emotionslos herunter. Immerhin: Dank Steam lässt sich jederzeit auch die englische Fassung herunterladen. Und die klingt exzellent - wer also entsprechende Sprachkenntnisse besitzt, sollte den englischen Stimmen den Vorzug geben.
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